Rezension: Trauminseln? Tourismus und Alltag in “Urlaubsparadiesen” Diese Rezension wurde von mir für den Rundbrief Nr. 69/06 des Pazifik-Netzwerks e.V. im November 2006 verfasst. Heidi Weinhäupl / Margit Wolfsberger (Hg.): Trauminseln? Tourismus und Alltag in "Urlaubsparadiesen". LIT Verlag Wien 2006. 296 Seiten, 19,90€ Die beiden Herausgeberinnen Heidi Weinhäupl und Margit Wolfsberger haben in dem vorliegenden Sammelband eine Vielzahl von Artikeln zusammengetragen, die einen Blick hinter die touristischen Kulissen vermeintlich paradiesischer Urlaubsinseln gewähren. Zur Sprache kommen dabei Inseln in fast allen Erdteilen (z.B. Mauritius/Afrika, Zypern/Europa, Sri Lanka/Asien etc.) sowie allgemeine Phänomene und Probleme im Zusammenhang mit Inseltourismus (z.B. Umweltauswirkungen des Tourismus und Vorteile des Tourismus für Inseln). Für diesen Beitrag werden jedoch lediglich die Artikel mit explizitem Ozeanien-Bezug betrachtet. In seinem Artikel "Scham, Schweigen und Stolz - Das gewandelte Bild vom "Menschenfresser" und Kriegsethos auf Fidschi" zeigt Hermann Mückler, wie der Ruf der Einwohner Fidschis als KannibalInnen entstand, welche Ursachen hinter dem Kannibalismus steckten und welche Bedeutung das kriegerische Image der Melanesier heutzutage hat. Ein wichtiger Aspekt in Mücklers Beitrag ist die Gegenüberstellung dieses Images mit den anmutigen und paradiesischen Klischees, die mit den Polynesiern in Verbindung gebracht werden. Es wird deutlich, dass auch die Wissenschaft bei der Konstruktion derartiger Images und Vorurteile beteiligt war. Schließlich geht der Autor auf die Rolle des Kannibalismus im 20. Jahrhundert ein. Wurde das Image des Kannibalismus bis Mitte der 1980er Jahre in erster Linie als "Attraktion" für die Tourismuswerbung verwendet, geht man heute selbstbewusster mit dem Thema um. Man bekennt sich nunmehr zu den vergangenen Taten und thematisiert diese beispielsweise in Form von Entschuldigungszeremonien. (Der hier besprochene Artikel ist auch kostenlos online erhältlich unter http://homepage.univie.ac.at/hermann.mueckler/mueckler.pdf.) Der australische Inselforscher Grant McCall stellt in seinem Beitrag "Rapanui: Traum und Alptraum - Betrachtungen zur Konstruktion von Inseln" den Begriff der "Nissographie" (die Erfindung von Vorstellungen von Inseln) ins Zentrum seiner Ausführungen und erläutert anhand der Beispiele Samoa, Tahiti und Rapanui, wie Vorstellungen und Utopien von Inseln entstehen bzw. wie die Wissenschaft damit umgehen sollte. Der teilweise recht abstrakt formulierte Text zeigt, wie z.B. der Mythos der "weisen Polynesier" aufkam und wieso im Falle Rapanuis zwei vollkommen unterschiedliche Vorstellungen der Insel existieren. Ist Rapanui für chilenische Touristen einerseits die Trauminsel für den Südsee-Urlaub, sehen laut McCall internationale Besucher in Rapanui eine kahle "Alptraumlandschaft" mit einem geheimnisvollen Image. McCall betont, dass es wichtig sei, beim wissenschaftlichen Studium von Inseln die Realität und nicht unsere Vorstellungen in den Mittelpunkt der Untersuchungen zu stellen. Der letzte Text des Buches mit Ozeanien-Bezug trägt den Titel "Neuseeland - Aotearoa - Mittelerde - Identitätskonstruktionen in Film und Tourismus" und beschäftigt sich mit den Neuseelandbildern, die durch bekannte Filme (z.B. "Herr der Ringe") entstanden sind und wie diese Neuseelandbilder touristisch vermarktet werden. Die Autorin Margit Wolfsberger geht zunächst auf das Verhältnis von Maori und Weißen ein und kommt zu dem Schluss, dass für Neuseeland-Reisende insbesondere die Maori-Kultur von großem Interesse ist. Mit einem Blick auf touristische Werbekampagnen der letzten Jahre leitet Wolfsberger zur touristischen Vermarktung neuseeländischer Filme über. Dabei steht die Filmtrilogie "Herr der Ringe" im Mittelpunkt der Betrachtung. Angesprochen wird das Verhältnis der fiktiven Filmlandschaft Mittelerde zum "weißen" Neuseeland sowie zum Neuseeland der Maori. Es kann festgestellt werden, dass Neuseeland in jüngster Vergangenheit immer mehr Werbung mit fiktiven Filmorten betreibt. Zweifelsohne richtet sich dieses Buch mit seinen nüchtern-sachlichen und bisweilen abstrakten Artikeln an ein wissenschaftlich interessiertes Publikum, das sich mit dem Thema Inseltourismus beschäftigt. Auch Leuten, die sich mit viel Tiefgang auf eine Inselreise vorbereiten möchten, sei die Lektüre dieses Buches empfohlen. Speziell die geographische und thematische Vielfalt der Beiträge muss positiv hervorgehoben werden. Gut: Alle Beiträge sind mit Info-Boxen versehen, die stichpunktartig über die wichtigsten geographischen, demographischen und ökonomischen Daten der jeweiligen Inseln informieren. Aus unserer "pazifischen" Sicht wäre sicherlich noch ein Beitrag über eine mikronesische Insel von Interesse gewesen. |